Wer möchte nicht, dass sein Kind ein gesundes Selbstbewusstsein, Vorstellungskraft und ein empathisches Miteinander entwickelt? Genau das kann Kreatives Schreiben unter anderem leisten und die Mögichkeit für Kinder und Jugendliche Zugang zum Kreativen Schreiben zu bekommen, haben sich verbessert.
In den vergangenen 25 Jahren erschienen immer mehr Workshop-Angebote, Bücher mit Anleitungen, Wettbewerbe und Ausschreibungen und auch in Schulen gibt es hier und da Kreatives Schreiben als Angebot. Kinder und Jugendliche werden immer mehr ermutigt, Geschichten zu schreiben und dazu angeleitet sich mit ihren Geschichten auseinanderzusetzen und das Schreibhandwerk zu erlernen. Das ist gut.
Doch verglichen mit den allgegenwärtigen Musikschulen und Sportvereinen fristet das Kreative Schreiben für Kinder und Jugendliche immer noch ein Dasein am Rande des Freizeitangebots. Warum Kreatives Schreiben gerade heute für Kinder und Jugendliche wichtig ist und deswegen auch verstärkt gefördert werden sollte, erläutere ich in diesem Beitrag.
Was ist Kreatives Schreiben?
Wenn ich hier die Bezeichnung Kreatives Schreiben nutze, dann meine ich damit das „erfindende“ Schreiben, jenes bei dem es darum geht, die Geschichten oder Bilder aus dem eigenen Kopf über das Papier in die Köpfe fremder Menschen zu projizieren. Man kann genauso gut vom Schreiben fiktionaler Texte sprechen oder vom literarischen Schreiben.
Was ich nicht meine ist zum Beispiel das Schreiben eines Tagebuchs oder sonstigen Journals oder das therapeutische Schreiben. Das ist auch alles großartig und hilfreich, aber davon ist hier nicht die Rede.
Unter dem Kreativen Schreiben verstehe ich alles von der ersten Geschichte, die ein achtjähriges Kind schreibt bis zu einem kunstvollen Roman, der uns unsere Gegenwart neu sehen lässt.
Aber warum ist dieses Kreative Schreiben heute so wichtig für Kinder und Jugendliche?
Kreatives Schreiben trainiert das Vorstellungsvermögen
Geschichten zu erfinden trainiert unsere Fantasie und unser Vorstellungsvermögen. In vielen Bereichen unseres Lebens spielt beides eine wichtige Rolle. Fantasie und Vorstellungsvermögen gehören dazu, wenn wir vorausdenken, nächste Schritte planen und Entscheidungen abwägen. Wann auch immer Probleme gelöst werden müssen oder flexibles Denken gefragt ist, ist die Vorstellung gefragt. Da die Probleme, vor denen wir heutzutage und in naher Zukunft stehen, immer komplexer und anspruchsvoller werden, brauchen wir junge Gehirne, die gut darin sind, sich Lösungswege vorstellen zu können.
Und wie arm ist unser Leben, wenn wir nicht über eine ordentlich entwickelte Fantasie verfügen. Dann können wir uns zum Beispiel auch nicht ausmalen, was wir erreichen möchten und wie wir dort hinkommen. Wir erleben weniger Vorfreude, können Büchern nicht viel abgewinnen und haben alles in allem ein ärmeres und graueres Leben. Indem man Kindern und Jugendlichen ermöglicht ihre Fantasie zu trainieren, bereichert man sie für ihr ganzes weiteres Leben.
Kreatives Schreiben lehrt uns Empathie
Das Schreiben von Geschichten schärft auch unsere Empathie, unsere Fähigkeit uns in andere Menschen einzufühlen. Mit jeder Figur, die wir erfinden, müssen wir mitdenken, wie sie die Welt sieht, wie sie sich fühlt und warum sie sich im Recht fühlt, selbst wenn wir selbst das anders sehen. Wer schreibt lernt, aus verschiedenen Perspektiven auf einen Sachverhalt zu schauen.
Empathie ist für unsere Gesellschaft einer der wichtigsten Werte, doch die Fähigkeit empathisch zu sein, lässt nach. Schon 2010 konnte eine Studie der Universität Michigan zeigen, dass die Empathiefähigkeit unter Studierenden in den vergangenen 30 Jahren um 40 Prozent nachgelassen hatte. Schaut man sich heute um, hat man nicht den Eindruck, dass diesem Trend gesamtgesellschaftlich etwas entgegengesetzt werden konnte.
Kindern den Zugang zum Kreativen Schreiben zu ermöglichen, erhöht die Chance, dass sie zu empathischen Menschen heranwachsen. Damit erweisen wir der ganzen Gesellschaft einen Dienst.
Kreatives Schreiben stärkt das Selbstvertrauen
Auch eine komplett erfundene Geschichte ist etwas zutiefst Persönliches, mit dem man sich anderen Menschen zeigt. Deswegen erfordert es Mut, eigene Geschichten mit anderen Menschen zu teilen. Gleichzeitig kann es auch das Selbstvertrauen junger Autor*innen stärken, wenn ihre Geschichten Wertschätzung erfahren, wenn man ihnen zuhört, sie liest, sich mit ihnen auseinandersetzt.
Etwas Eigenes in die Welt gebracht zu haben, Geschichten aus dem eigenen Köpf in fremde Köpfe projiziert zu haben, macht Kinder stolz auf die eigene Leistung. Das fällt mir besonders im Rahmen von Schulworkshops immer wieder auf, wenn Kinder begierig fragen, ob sie die Geschichte mit nach Hause nehmen dürfen, um sie ihren Eltern zu zeigen. Schon sehr junge Kinder spüren meiner Meinung nach, dass eine eigene Geschichte etwas noch Tolleres ist als eine gute Note, weil mehr von ihrer Persönlichkeit darin steckt.
Kreatives Schreiben unterstützt die Natürliche Intelligenz
Wir leben in einer Zeit, in der die sogenannte Künstliche Intelligenz uns viele Aufgaben bereits abgenommen hat und noch viele weitere abnehmen wird. Schon heute lässt sich erkennen, was mit uns geschieht, wenn wir eine Aufgabe nicht mehr selbst ausführen müssen: Wir verlieren die dafür notwendigen Fähigkeiten. Räumliche Orientierung? Brauchen wir nicht mehr, wir haben doch Navis. Können wir auch bereits nicht mehr so gut wie früher, wie Studien festgestellt haben.
Was passiert mit den weiteren kognitiven Fähigkeiten, wenn wir das Denken an die künstliche Intelligenz auslagern, wenn die Hausaufgaben und die Arbeiten für die Uni von KI geschrieben werden, die KI sogar unsere Romane schreibt, wenn die KI unsere E-Mails beantwortet und all unsere Fragen? Unser Denken lässt ganz schwer nach, auch dazu gab es unlängst eine Studie. Wir werden nicht nur dümmer, sondern wahrscheinlich auch unglücklicher, denn die KI bringt uns logischerweise auch um die Freude und den Stolz auf unsere selbstgeschossenen Fotos, selbstgemalten Bilder, selbstverdienten Noten, selbstgeschriebenen Geschichten usw.
Wir können die KI nicht mehr loswerden, aber jeder kann für sich dafür sorgen, nicht von der KI zum Knopfdrücker degradiert zu werden. Deswegen finde ich es wichtig, Kindern und Jugendlichen zu zeigen, wie viel Freude aus dem Selbermachen entsteht, wie viel wertvoller es sich anfühlt, eine eigene Geschichte zu schreiben, statt sie mit passenden Prompts in Auftrag zu geben. Ganz nebenbei lernen Kinder und Jugendliche dabei auch, welche Unterschiede bestehen zwischen einer menschlich geschriebenen Geschichte und einer KI-generierten. Beides unterscheiden zu können ist auf jedem Gebiet eine wichtige Kompetenz.
Kreatives Schreiben hilft uns, gesellschaftliche Zustände und Zusammenhänge zu erkennen und zu reflektieren
Geschichten sind immer auch ein Spiegel unserer Welt. Selbst die so entfernt von uns wirkende Märchen-, Fantasy- oder Science-Fiction-Welt führt uns zu den Fragen, wie wir leben und wie wir anders leben könnten, welche Werte uns wichtig sind usw. Wer Geschichten schreibt und sich mit ihnen auseinandersetzt, wird immer wieder auf diese Fragen stoßen.
Kinder lassen auch die Themen ihres Alltags in die fiktiven Geschichten einfließen, Streit, Fairness, Freundschaft, Ausgrenzung … Indem man diesen Themen in Geschichten Raum gibt, muss man sie durchdenken, einen Standpunkt beziehen und auch andere Perspektiven nachvollziehen. Im Großen wie im Kleinen hilft das Kreative Schreiben Kindern und Jugendlichen Strukturen und Zusammenhänge zu erkennen und auch zu hinterfragen.
Kreatives Schreiben verringert unsere Einsamkeit
Gesehen und gehört zu werden ist ein großes menschliches Bedürfnis. Wer es nicht erlebt, fühlt sich einsam. Laut einem Interview mit der Entwicklungspsychologin Susanne Bücker in der Frankfurter Rundschau fühlen sich auch immer mehr Kinder und Jugendliche einsam.
Lesen und Schreiben ist eine Art ‚Kommunikation per Flaschenpost‘. Ab und zu fischen wir ein Buch heraus, das uns richtig viel bedeutet, weil wir uns verstanden und gesehen fühlen oder weil es uns neue Einsichten ermöglicht wie ein weiser Freund. Und wenn wir schreiben, dann werfen wir unsere Geschichten ebenfalls wie eine Flaschenpost in die Welt. Wir, bzw. die schreibenden Kinder und Jugendlichen, wissen noch nicht genau, ob und wen die Geschichten erreichen werden. Aber das Gefühl, das man nun gelesen (= gehört, gesehen) werden könnte, ist bereits aufregend und tröstlich. Und auch das Vorlesen in der Schreibwerkstatt oder zu Hause in der Familie ist ein gehört werden, die Flaschenpost ist angekommen.
Kreatives Schreiben ist also auch ein Mittel gegen die Einsamkeit.
Kreatives Schreiben gibt uns eine Stimme
Ich darf alles erzählen. Ich kann es verkleiden und es anderen Wesen in den Mund legen, aber ich darf alles sagen, alles ausdrücken, was ich fühle und denke. Ich habe eine Stimme. Das kann für jeden Menschen, egal wie alt er ist, eine sehr befreiende und bestärkende Erfahrung sein. Aber gerade für Kinder und Jugendliche, für die es noch neu ist oder die eventuell nie eine Gelegenheit hatten, ihre Geschichte zu erzählen, ihre eigene Stimme zu nutzen, kann es eine lebensverändernde Entdeckung und Selbstermächtigung darstellen, dieses neue Medium kennenzulernen.
Man kann es aber auch andersherum sehen: Wieviel können wir über Kinder und Jugendliche erfahren und mit ihnen ins Gespräch kommen durch die Geschichten, die sie erzählen, wenn wir ihnen ermöglichen sie aufzuschreiben (und sie bereit sind, die Geschichten mit uns zu teilen).
Kreatives Schreiben für das Wohlbefinden und die Gesundheit
Ein Aspekt, auf den man nicht so leicht kommt, wenn man über die Vorzüge des Kreativen Schreibens nachdenkt, ist der gesundheitliche. Kreatives Schreiben und natürlich auch sämtliche andere Kunstformen, haben positive Auswirkungen auf unseren Körper, die man messen kann. Wenn man pro Woche 45 Minuten schreibt, malt, dichtet, bildhauert etc., dann sinkt im Körper das Stresshormon Cortisol. Interessanterweise spielt es dabei keine Rolle, wie gut oder schlecht man die jeweilige Kunst ausübt.Amie McNee fasst es in ihrem Buch „WE NEED YOUR ART„* so zusammen:
„Art, whether you are the creator or the consumer, changes you.“
Und diese Änderung findet eben nicht nur auf einer psychischen Ebene statt sondern auch physisch. Zahlreiche Studien belegen inzwischen, dass die Beschäftigung mit einer Kunstform zum Beispiel das Immunsystem stärkt und die Atmung verbessert. In ihre Studie „How leisure activities affect health: A Narrative Review and Multi-Level Theoretical Framework of Mechansms of Action“ veröffentlicht in Lancet Psychiatry 8, no 4 (April 2021) weisen Daisy Fancourt et. al. über 600 positive gesundheitliche Auswirkungen von so stillen Freizeitaktivitäten wie „Kunst machen“ nach.
Susan Magsamen und Ivy Ross schreiben in ihrem Buch „Your Brain on Art. How the Arts Transform us“*:
„Art, your art, is changing you for the better. We need art to be in our arsenal of wellbeing and healing tools. Our brain requires it. The creation and consumation of art belongs next to exercise, meditation, diet, sleep.“

Welche Rolle wird Kreatives Schreiben in der Zukunft spielen?
Meiner Meinung nach wird das Kreative Schreiben in der Zukunft eine noch größere Rolle spielen als heute.
Aller KI zum Trotz wird es auch in Zukunft einen großen Bedarf geben an Geschichten, die von Menschen geschrieben wurden. Denn während die KI nur Vorhandenes neu zusammensetzen kann, können Menschen von ihren individuellen Erfahrungen und Beobachtungen erzählen. Der Bedarf an den Produkten, die das Kreative Schreiben hervorbringt, kann also als gesichert gelten.
Unsere Zukunft wird reich bestückt ein mit Herausforderungen – von den Folgen des Kimawandels über soziale Ungerechtigkeit, den Kampf gegen den Faschismus und die Folgen der Globalisierung. Diese Herausforderungen können künstlerisch verarbeitet und reflektiert werden mithilfe des Kreativen Schreibens. Ebenso können durch das Kreative Schreiben Debatten mitgestaltet werden.
Als Gegengewicht zur allgegenwärtigen Digitalisierung gewährt das Kreative Schreiben einen Raum ihre Gedanken, ihre Fantasie und Persönlichkeit ausdrücken können.
Nicht zuletzt wird das Kreative Schreiben in einer immer stärker beschleunigenden, leistungsorientierten Welt einen Raum für die Selbstfürsorge bieten, in dem Stress abgebaut und Identität entwickelt werden kann.
Das sind einige der Gründe, warum wir Kindern und jugendlichen ermöglichen sollten, das Kreative Schreiben kennenzulernen. Es kann für sie und für uns alle in Zukunft ein wichtiges Werkzeug sein.
So können Kinder und Jugendliche Kreatives Schreiben lernen
Wenn Kinder und Jugendliche gerne lernen möchten Geschichten zu schreiben, dann gibt es einige Möglichkeiten, sie zu unterstützen. Ein nicht zu schönes Notizbuchfür Ideen und Geschichten ist ein nettes Geschenk zum Start. Nicht zu schön sollte es sein, weil man sonst zu sehr abwägt, ob diese Idee denn auch gut genug ist für so ein schönes Notizbuch.
Es kann sehr hilfreich sein, eine Schreibwerkstatt zu besuchen, um Gleichaltrige zu treffen, die ebenfalls gerne schreiben und um Feedback zu erhalten. Außerdem gibt es einige hilfreiche Bücher zum Kreativen schreiben. Die Bücher, dir mir am besten gefallen, habe ich im Blogartikel „Wie man Kinder und Jugendliche, die gerne schreiben, fördern kann„.
Wenn du jetzt nach Schreibworkshops für Kinder und Jugendliche suchst, schau dir auch gerne hier meine Angebote für den Herbst 2025 an.
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