Schrullige Gewohnheiten berühmter Autor*innen, Hintergründe des Schreibprozesses und die Geschichte des Creative Writings, wie es heute gelehrt wird: Fakten über kreatives Schreiben gibt es unzählige, und ich habe mir die spannendsten für dich herausgesucht.

Kreatives Schreiben ist das freie, künstlerische Schreiben von Texten – ohne die Vorgaben, die etwa journalistisches oder wissenschaftliches Schreiben prägen.

Damit du dich durch die Sammlung nicht wahllos durchwühlen musst, habe ich alles in Themenblöcke sortiert und durchnummeriert.

Und jetzt: viel Spaß beim Stöbern!

Geschichte & Ursprünge

  1. Die ersten organisierten Schreibkurse für kreatives Schreiben entstanden in den 1920er-Jahren an der Universität von Iowa; bis in die 1930er-Jahre hatten bereits 41 Colleges und Universitäten in den USA „Creative Writing“ in ihr Curriculum aufgenommen.
  2. Der berühmte Iowa Writers‘ Workshop wurde 1936 gegründet und war der erste Studiengang der Welt, in dem man mit einem akademischen Abschluss (Master of Fine Arts) in kreativem Schreiben abschließen konnte.
  3. Die Technik des „automatischen Schreibens“ wurde vom Surrealisten André Breton entwickelt, der als Psychiatrie-Mitarbeiter im Ersten Weltkrieg von der freien, unzensierten Sprache seiner Patient*innen fasziniert war; 1924 definierte er die Methode in seinem surrealistischen Manifest offiziell.
  4. Der Begriff „Brainstorming“ wurde erst 1957 vom Werbe-Manager Alex Osborn in seinem Buch „Applied Imagination“ geprägt, basierend auf vier Prinzipien: möglichst viele Ideen sammeln, Bewertung aufschieben, auch „wilde“ Ideen zulassen und aufeinander aufbauen.
  5. E. T. A. Hoffmann ließ sich für seine Geschichten Wörter zurufen, die er dann alle in eine Geschichte einbauen musste – ein Schreibspiel, das er bevorzugt in einer Kneipe spielte und das noch heute verwendet wird.
  6. Freewriting wurde in Deutschland vor allem durch Natalie Goldbergs Buch „Schreiben in Cafés“ bekannt.
  7. Natalie Goldberg lernte die Freewriting-Technik durch Allen Ginsberg kennen.

Erzähltechniken & Fachbegriffe (Handwerkszeug)

  1. Beim Clustern schreibt man ein Kernwort in die Mitte eines Blattes und sammelt umkreisend Assoziationen, bis sich nach etwa acht bis zehn Minuten eine Idee herauskristallisiert.
  2. Im Unterschied zu einer Mindmap, die von Anfang an hierarchisch geordnet wird, wächst ein Cluster organisch und unsortiert, indem man intuitiv Assoziationen folgt.
  3. Der Begriff „Plot Bunny“ spielt darauf an, dass sich spontane Geschichtenideen „wie Kaninchen vermehren“ und Autor*innen besonders in der Mitte eines Projekts ablenken.
  4. Freewriting bedeutet, sich 5 bis 10 Minuten Zeit zu nehmen, um ohne Pause, Struktur oder Bewertung alles aufzuschreiben, was einem durch den Kopf geht.
  5. Das Prinzip „Tschechows Gewehr“ geht auf den russischen Dramatiker Anton Tschechow zurück, der sinngemäß schrieb: „Man darf kein geladenes Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand vorhat, damit zu schießen.“
  6. Der Begriff „MacGuffin“ für ein handlungstreibendes, aber inhaltlich eigentlich belangloses Objekt wurde von Angus MacPhail geprägt und durch Alfred Hitchcock berühmt gemacht, etwa mit dem Militärgeheimnis in „Die 39 Stufen“ (1935).
  7. Der Begriff „Red Herring“ (falsche Fährte) für eine irreführende Spur in Krimis geht auf eine Geschichte des englischen Journalisten William Cobbett aus dem Jahr 1807 zurück, in der stark riechende geräucherte Heringe benutzt wurden, um Jagdhunde von einer Fährte abzulenken.
  8. Der berühmte Schreibratschlag „Kill your darlings“ (töte deine Lieblinge) wird häufig William Faulkner zugeschrieben, stammt aber tatsächlich vom britischen Autor Sir Arthur Quiller-Couch, der 1914 in seiner Cambridge-Vorlesung „On Style“ schrieb: „Murder your darlings.“
  9. Der Begriff „in medias res“ (mitten hinein ins Geschehen) stammt vom römischen Dichter Horaz, der ihn um 13 v. Chr. in seiner „Ars Poetica“ prägte und lobte, dass ein guter Dichter seine Leser sofort mitten ins Geschehen reißt, ohne von vorn zu beginnen.
  10. Übertrieben ausgeschmückte Dialog-Verben wie „hauchte“, „zischte“ oder „polterte“ statt des neutralen „sagte“ werden, wenn sie gehäuft verwendet werden, im Schreibhandwerk als „Said Bookisms“ bezeichnet.

Zahlen & Statistiken

  1. Laut einer repräsentativen BoD-Umfrage unter über 1.000 Bundesbürger*innen träumen 49,1 Prozent der Deutschen davon, irgendwann ein eigenes Buch zu schreiben und zu veröffentlichen.
  2. 43,7 Prozent der Deutschen schreiben zumindest gelegentlich Geschichten, Gedichte oder Ratgebertexte – bei den 18- bis 24-Jährigen ist Schreiben für 16 Prozent sogar eine echte Leidenschaft.
  3. Die durchschnittliche Ablehnungsquote bei elektronischen Anfragen an Literaturagent*innen liegt bei etwa 87 Prozent. Nur rund 4 Prozent aller Anfragen erhalten überhaupt eine positive Antwort.
  4. Von allen unaufgefordert eingesandten Manuskripten (der „Slush Pile“) werden am Ende nur etwa 1 bis 2 Prozent tatsächlich veröffentlicht.

Schreiben, Gehirn & Gesundheit

  1. Studien zeigen, dass expressives Schreiben über belastende Erlebnisse Blutdruck und Cortisolspiegel senken, die Immunfunktion stärken und depressive Verstimmungen sowie Angstsymptome reduzieren kann.
  2. Wer pro Woche 45 Minuten schreibt, malt, dichtet oder bildhauert, senkt nachweislich das Stresshormon Cortisol im Körper – unabhängig davon, wie gut man die Kunstform beherrscht.
  3. Die Studie „How leisure activities affect health“ von Daisy Fancourt et al. (Lancet Psychiatry, 2021) weist über 600 positive gesundheitliche Auswirkungen von künstlerischen Freizeitaktivitäten wie kreativem Schreiben nach.
  4. Beim Schreiben von Hand werden dieselben Hirnareale aktiv wie bei anderen künstlerischen Tätigkeiten wie Malen und Zeichnen.
  5. Der Neurotransmitter Dopamin, der beim Ausüben angenehmer Tätigkeiten wie Duschen, Musikhören oder Spazierengehen ausgeschüttet wird, macht Menschen kurzfristig nachweislich kreativer.
  6. Unmittelbar vor dem Einschlafen und kurz nach dem Aufwachen sind Menschen besonders kreativ, weil während des leichten Schlafs Theta-Wellen im Gehirn dominieren.
  7. Ronald T. Kellogg weist in „The Psychology of Writing“ darauf hin, dass verschiedene Teilaufgaben des Schreibprozesses (Recherchieren, Planen, Niederschreiben, Überarbeiten) zu unterschiedlichen Tageszeiten unterschiedlich gut gelingen können.

Schreibblockade & Prokrastination überwinden

  1. Prokrastination beim Schreiben ist eine Schutzreaktion des Gehirns: Es erkennt Angst und Stress und aktiviert dieselben Fluchtmechanismen, die früher vor wilden Tieren schützen sollten.
  2. Der wichtigste Störfaktor beim Schreiben ist für die meisten Menschen das Smartphone. Es sollte während des Schreibens am besten gar nicht im selben Raum liegen.
  3. „Body Doubling“ bezeichnet die Methode, sich mit jemandem zu verabreden, der zeitgleich arbeitet (nicht zwingend in derselben Kunstform), um konzentrierter gegen Prokrastination anzuschreiben.
  4. Als Technik gegen Schreibblockaden hilft es, bewusst 12 (oder mehr) neue Ideen zu sammeln statt nur einer.
  5. Geschichten lassen sich notfalls wie eine Speisekarte, eine Traueranzeige oder ein polizeiliches Protokoll erzählen, um neue Strukturen zu finden.

Kuriose Schreibgewohnheiten berühmter Autor*innen

  1. Ernest Hemingway schrieb am liebsten stundenlang im Stehen und verlagerte dabei sein Gewicht abwechselnd von einem Fuß auf den anderen.
  2. Vladimir Nabokov schrieb seine Romane auf kleinen Karteikarten, die er in einer Schublade beliebig umsortieren konnte, sodass er nicht chronologisch schreiben musste – einige Karten legte er sogar nachts unter sein Kopfkissen, falls ihm im Schlaf eine Idee kam.
  3. Agatha Christie ließ sich angeblich am liebsten in der Badewanne inspirieren, wo sie Äpfel aß und sich Fotos von Tatorten ansah, um ihre Mordfälle zu plotten.

Erfolgsgeschichten & Rekorde

  1. L.M. Montgomerys „Anne of Green Gables“ wurde von fünf Verlagen abgelehnt; entmutigt verstaute sie das Manuskript zwei Jahre lang in einer Hutschachtel, bevor sie es erneut einreichte – das Buch verkaufte sich am Ende über 50 Millionen Mal.
  2. Berühmte Autor*innen hatten legendär schlechte Rechtschreibung. Zum Beispiel schrieb Scott F. Fitzgerald („Der große Gatsby“) in seinen Briefen den Namen seines Freundes Hemingway immer wieder falsch.
  3. In einem Experiment mit einer Keramikklasse (beschrieben im Buch „Kunst & Angst“ von David Bayles und Ted Orland) sollte eine Hälfte ein perfektes Gefäß herstellen, die andere so viele Gefäße wie möglich – bewertet nach Gewicht. Die besten Arbeiten kamen ausnahmslos aus der „Quantitäts“-Gruppe.
  4. Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gilt laut Guinness-Weltrekord mit rund 1,3 Millionen Wörtern und schätzungsweise 9,6 Millionen Zeichen als längster Roman der Welt.
  5. Die berühmte Sechs-Wort-Geschichte „For sale: baby shoes, never worn“ wird oft Ernest Hemingway zugeschrieben. Tatsächlich tauchten Versionen davon aber schon 1906 auf, als Hemingway erst sieben Jahre alt war; die Zuschreibung an ihn entstand erst 1989, fast 30 Jahre nach seinem Tod.
  6. Über 1.700 Wörter, die heute noch im Englischen gebräuchlich sind, werden William Shakespeare zugeschrieben, darunter „assassination“ – vor ihm gab es kein einziges Wort für politisch motivierten Mord.

Kreativität, Produktivität & Schreibtipps

  1. Ray Bradbury empfahl, 1000 Tage lang jeden Tag ein Gedicht, eine Kurzgeschichte und ein Essay zu lesen, um besser schreiben zu lernen.
  2. Anders als eine Schreibgruppe bespricht eine Accountability-Gruppe keine Texte, sondern konzentriert sich ausschließlich auf Ziele: was erreicht wurde und was als Nächstes geplant ist.
  3. Ausmalen und Doodeln vor oder während des Schreibens hilft laut Studien dabei, in einen Zustand zu kommen, der offener für neue Ideen ist.
  4. Kritik am eigenen Schreibstil ist völlig normal – dennoch lässt sich das Spektrum des eigenen Schreibstils durch Übung nachweislich erweitern.
  5. Beliebte Geschenke für Autor*innen sind unter anderem Story Cubes, literarische Poster, ein wasserfestes Notizbuch oder ein Ex-Libris-Stempel.
  6. Beim improvisierten Schreiben schreibt man mit so knapper Zeitvorgabe, dass keine Zeit zum Nachdenken bleibt – dadurch entstehen spontane, unverkopfte Ideen, ähnlich wie beim kindlichen Erfinden von Geschichten.

Welche Fun Facts rund um das kreative Schreiben habe ich vergessen? Kommentiere gern.

About the Author Pia

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  1. Liebe Pia,

    was für eine Sammlung! Danke für die ganzen Erläuterungen. Auch nach Jahren in dieser Kreativgegend hab ich noch was gelernt. Die Said Bookisms kannte ich als Begriff nicht, auch wenn das eins meiner Lieblingsthemen in Lektoraten ist.

    Viele Grüße
    Maike

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