Schlechtes Schreiben kann so gut sein: Was man gegen den Perfektionismus tun kann

Schlechtes Schreiben kann so gut sein: Was man gegen den Perfektionismus tun kann

Dieser Blogpost handelt von der Qual, zwangsläufig erst einmal schlecht zu schreiben. Jeden einzelnen Text, den man beginnt. Er handelt aber auch von den ungeahnten Möglichkeiten, die damit verbunden sind, erst einmal vollkommen grauenhaft zu formulieren und – gefühlt – nichts zu sagen zu haben, das sich zu erzählen lohnt, um dann zu entdecken, wie daraus ein interessanter Text werden kann.


Beginnen wir mit dem Schmerz. Es gibt wohl niemanden, der schon mal geschrieben hat, der nicht die Qual kennt, genau zu wissen, dass man da gerade etwas fürchterlich Schlechtes produziert. Ich lehne mich wohl nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich vermute, dass das der Grund Nummer 1 ist für alle abgebrochenen Texte, die auf Festplatten vor sich hin modern.


Das Schlimmste ist: Man hat ja recht. Was man da schreibt, ist in weiten Teilen tatsächlich so grauenhaft, wie es sich anfühlt. Wie sollte es auch anders sein? Ein Bildhauer haut ja auch nicht bloß rundherum eine Runde mit dem Meißel auf den Stein und schon steht ein knackiger David vor ihm. Trotzdem vergleichen wir gerne unsere erste(n) Fassung(en) mit den vielfach bearbeiteten, geschliffenen, lektorierten Texten, die wir lesen. Das ist unvernünftig und ziemlich unfair uns selbst gegenüber, aber so ist er, unser Perfektionszwang, der beim Schreiben außer Rand und Band gerät.


Was kann man gegen den Perfektionismus tun?


Letztes Jahr ist es mir unerwarteterweise gelungen, dem Perfektionszwang auszuweichen. Passiert ist es aus der Not heraus. Um meinen Roman zu plotten, habe ich auf die Hilfe von „Story Genius“* von Lisa Cron zurückgegriffen. Diese Methode, die ich hier noch vorstellen werde, sieht an einer Stelle vor, dass man schon mal die letzte Szene des Romans schreibt. Zu dieser Zeit hat man außer der ersten Szene und ein paar Ideen noch nichts, aber auch gar nichts, was einen in die Lage versetzen würde, diese letzte Szene „gut“ zu schreiben. Oder halbwegs zufriedenstellend. Man muss jeden einzelnen Anspruch an sich selbst fallen lassen, um diese Szene zu schreiben. Was habe ich mit mir gerungen, was habe ich prokrastiniert. Wie furchtbar habe ich mir diese Arbeit vorgestellt. Als ich dann endlich angefangen hatte, ging das Schreiben flüssig voran – und machte Spaß. Und nicht nur das: Beim Schreiben entstanden nützliche Ideen, auf die ich durch reines Planen nicht gekommen wäre.


Die Vorteile des schlechten Schreibens


Und hier verlassen wir das Thema Schmerz und kommen zu den erfreulichen Begleiterscheinungen des schlechten Schreibens.

Man kann ein leeres Blatt nicht überarbeiten. Nur wenn man den Absatz oder die Szene auch grottenschlecht niederschreibt, hat man die Möglichkeit, sie in den nächsten Schritten besser und besser werden zu lassen. Das mag eine banale Tatsache ein, aber wenn wir ehrlich sind, vergessen wir sie doch immer wieder, wenn das Schreiben schwierig wird.

Während man schreibt, entstehen neue Ideen, auf die man durch reines Nachdenken niemals kommen würde. Der Unterschied zwischen dem Ideenfluss durch überlegen und dem Ideenfluss beim Schreiben ist ungefähr so wie der zwischen einem Lappen auswringen und einen Wasserhahn öffnen. Diese Ideen beziehen sich nicht nur auf die aktuelle Textstelle, sondern auch auf frühere oder spätere Kapitel. (Notiz an mich selbst: Man muss diese Ideen unbedingt sofort notieren. Es war ein Fehler zu glauben, man würde sich spätestens beim Durchlesen der Szene wieder daran erinnern.)

Nicht über den ersten Absatz zu brüten und ihn in eine erträgliche Form bringen zu wollen, sondern einfach drauflos zu schreiben und diese Fassung hinter sich zu bringen, um anschließend noch ein paar weitere Fassungen zu schreiben, hat auch den Vorteil, dass die große Textproduktion rein statistisch auch mehr gute Ideen, mehr gelungene Textstellen mit sich bringt.

In ihrem Buch „Kunst & Angst“* berichten David Bayles und Ted Orland über ein Experiment, das in einer Keramikklasse stattgefunden hat. Die eine Hälfte der Klasse sollte ein einziges Gefäß herstellen und das so gut wie möglich. Je besser dieses Gefäß war, desto besser wurden sie benotet. Die andere Hälfte der Klasse hingegen, sollte so viele Gefäße wie möglich produzieren. Am Ende wurden ihre Arbeiten schlicht gewogen und je schwerer ihr Gewicht war, desto besser wurde die Arbeit benotet. Interessant ist, was am Ende dabei herauskam:


„Die Werke mit der höchsten Qualität kamen alle aus der Gruppe ‘Quantität‘. Anscheinend produzierte diese Gruppe haufenweise Stücke – und lernte dabei aus ihren Fehlern -, während Studenten der ‚Qualität‘ nur dasaßen und über Perfektion theoretisierten, um am Ende grandiose Theorien und eine Menge totes Material vorweisen zu können.”


Quantität wird zu Qualität, weil die Chance einfach größer ist, dass in der Masse auch etwas sehr Gutes dabei ist. Aber sicher spielt auch eine Rolle, dass man während des Herstellungsprozesses so viel lernt, dass man eben besser wird. Außerdem eröffnet der Fokus auf der Quantität die Möglichkeit locker an die Aufgabe heranzugehen und Dinge auszuprobieren, die man verworfen hätte, wenn man von vornherein nur darauf achtet, möglichst „gut“ zu arbeiten.


Methoden, um den Perfektionismus zu überwinden


Es spricht also sehr viel dafür, erst einmal unbekümmert jede Menge Text zu produzieren. Aber auch wenn man das vernünftig findet, muss man meistens trotzdem einen Widerstand überwinden. Man steht immer noch vor dem Problem, sich für die eigenen Texte zu schämen und die Selbstzweifel haben Hochkonjunktur. Wie kann man diese Widerstände überwinden?


Manchmal hilft es schon, Dingen einen anderen Namen zu geben. Ich spreche jetzt nicht mehr von der ersten Fassung oder dem ersten Entwurf, sondern gehe einen Schritt zurück und nenne den Text Nullfassung oder Draft Zero, ein Begriff, den ich mal im wissenschaftlichen Schreiben aufgeschnappt habe. Der neue Name macht mir noch mal klar, dass der entstehende Text mit einer anderen Erwartungshaltung verbunden ist.


Wem Bilder helfen, für den hat Neil Gaiman den passenden Tipp. In diesem Video (ab Minute 11:20, aber schaut ruhig das ganze Video, es lohnt sich) erzählt er, dass es hilft sich vorzustellen, der ganze schlechte Teil des Erzählens müsse zuerst aus dem Stift oder aus dem Kopf rausgeschrieben werden, bevor man an das gute Schreiben herankommen kann. Und das fängt bei jeder neuen Erzählung von vorne an.


Langfristig kann es nützlich sein, ein Schreibtagebuch zu führen, in dem man täglich seinen Prozess reflektiert, damit man beim Zurückblättern feststellen kann, dass man das Problem früher erfolgreich überwunden hat.


Was hilft euch, das schlechte Schreiben zu ertragen?

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