Gabi Kremeskötter hat zu ihrer Blogparade zum Thema „Über Liebe, Verlust und Aufbruch“ aufgerufen, und mein erster Gedanke war: Oh nein, das wird mir zu persönlich. Aber die liebe Gabi hat ein Schlupfloch gelassen und in ihrem Aufruf vorgeschlagen, das Thema auf die eigene Arbeit anzuwenden. Dort passt es perfekt, denn Liebe, Verlust und Aufbruch sind das Herzstück jeder Figurenentwicklung.
Es gibt ja diese wunderbar ausgefuchsten Fragebögen für Figuren, die wirklich alles abfragen – von der Handschrift über die Lieblingsfarbe bis zu wiederkehrenden Alpträumen. Ich finde solche Fragebögen sehr nützlich, aber manchmal (ziemlich oft) möchte ich auch so schnell wie möglich losschreiben und die Figuren lieber während des Schreibens näher kennenlernen.
Doch um Losschreiben zu können, muss ich die Figuren wenigstens ein bisschen kennen, aber dafür brauche ich keinen Fragebogen. Alles, was man brraucht, um eine Figur zu entwickeln, steckt auch in diesen drei Begriffen: Liebe. Verlust. Aufbruch.
Liebe: was deine Figur antreibt
Die erste Frage an jede neue Figur lautet: Was liebt sie? Was ist ihr wirklich wichtig, wovon würde sie nie freiwillig lassen?
Das kann groß sein – die Freiheit, ein Mensch, eine Überzeugung. Es kann aber genauso gut ein Gegenstand sein, der auf den ersten Blick völlig unbedeutend wirkt. Eine alte Tasse zum Beispiel. Warum ausgerechnet diese Tasse? Weil an ihr eine Geschichte hängt – ein Ereignis, ein Mensch, eine Zeit, die vorbei ist. Und schon lernst du nicht nur, was deine Figur liebt, sondern auch etwas über ihre Vergangenheit und ihre Motivation. Für das, was wir lieben, sind wir bereit, eine ganze Menge zu tun.
Schreibanregung: Lass deine Figur fünf Minuten lang von einem Gegenstand erzählen, den sie liebt, nicht warum er praktisch ist, sondern welche Geschichte an ihm hängt. Lass sie einfach reden. Dieser Text ist nur für dich, niemand wird ihn je lesen. Weißt du am Ende, warum ausgerechnet dieser Gegenstand ihr so wichtig ist, kennst du auch schon ein Stück ihrer Vergangenheit, das weit über einen simplen Gegenstand hinausgeht.
Verlust: was deine Figur geprägt hat
Als Nächstes fragst du dich: Was hat diese Figur schon alles verloren? Was empfindet sie überhaupt als Verlust?
Auch hier ist alles möglich – der verlorene Lieblingsschal, die gestorbene Katze, ein Mensch, der sie verlassen hat. Wichtiger noch als die Liste selbst ist die Frage danach: Wie hat dieser Verlust ihr Leben beeinflusst? Wie geht deine Figur damit um? Spricht sie nie wieder über diesen Verlust oder bringt sie ihn in jedes Gespräch ein? Genau in dieser Reaktion zeigt sich ihr Charakter.
Schreibanregung: Schreib die Szene, in der deine Figur den Verlust zum ersten Mal wirklich bemerkt. Also nicht den Moment des Verlierens selbst, sondern den Moment danach, wenn ihr klar wird, dass etwas fehlt. Reagiert sie sofort? Oder braucht sie Tage, bis sie es zulässt? Nimm dir 10 Zeit Minuten Zeit dafür, auch dieser Text ist nur für dich selbst gedacht.
Aufbruch: was deine Figur ins Handeln bringt
Üblicherweise braucht eine Hauptfigur eine Art Aufbruch. Wir wollen ihr ja nicht nur dabei zusehen, wie sie Kaffee trinkt und sich Gedanken macht, sie soll etwas erleben, etwas muss sich für die Figur ändern. Das ist auch der Kern der Heldenreise, der berühmten Plotstruktur, die in so vielen Geschichten steckt, die wir kennen.
Erst einmal müssen wir wissen: Wohin will diese Figur eigentlich? Was ist für sie ein Ziel, für das sich der Aufbruch überhaupt lohnt?
Damit eine Figur tatsächlich aufbricht, muss irgendetwas sie ins Handeln bringen, auch wenn sie eigentlich lieber bleiben würde. Wir sind schließlich alle gern ein bisschen träge, gerade bei den wichtigen Dingen. Die Sorge um jemanden, aber auch Eifersucht oder Neid, starker Druck von außen: All das kann der Auslöser sein.
Schreibanregung: Der Auslöser für den Aufbruch muss objektiv gar nicht dramatisch sein, er muss nur bei deiner Figur aufgrund ihrer Vorgeschichte etwas auslösen. Eine Figur, die aus Angst vor Verlust seit Jahren in einer Beziehung bleibt, muss nicht wegen eines großen Streits aufbrechen (hier eher: ausbrechen). Es reicht, wenn der Partner beim Abendessen zufällig denselben Satz sagt wie früher die Mutter, bevor sie ging. Objektiv passiert nichts, aber für die Figur kippt trotzdem alles.
Überleg dir also erst, welcher kleine, unscheinbare Moment bei deiner Figur diesen Effekt haben könnte, passend zu dem, was du bei Liebe und Verlust schon über sie weißt. Und dann schreib nicht die große Szene selbst, sondern die Minuten davor: Noch wirkt alles normal, aber deine Leserin soll schon spüren, dass gleich etwas passiert. Auch das ist wieder eine Szene nur für dich, damit du die Figur besser kennenlernst. Denk nicht zu lange nach, sondern nimm dir nur 15 Minuten Zeit und schau, was passiert.
Drei Worte, eine ganze Figur. Mehr braucht es manchmal wirklich nicht.
Wenn du lernen willst, wie man mit genau solchen kleinen Fragen große Figuren baut – und dabei nebenbei auch noch ins Schreiben kommt, statt nur davon zu träumen – dann trag dich in meinen Newsletter ein. Dort gibt’s regelmäßig genau solche Impulse für dein Schreiben.

Liebe Pia,
ich bin begeistert, wie du das Thema meiner Blogparade als praktischen Tipp für die Figurenentwicklung einer Geschichte genutzt hast! Dein kreativer Umgang damit zeigt, wie großartig sich selbst in vermeintlich rein beruflichem Kontext das Spielen mit Worten und Begrifflichkeiten lohnt.
Den Blick öffnen, in bisher ungedachte Räume vorstoßen und zack: Bist du bei einem Praxistipp fürs Schreiben gelandet.
Klasse!
Und herzlichen Dank, ich bin sicher, dein Tipp wird viele, die das geschriebene Wort schätzen, weiterbringen.
Mit KREativen Grüßen
Gabi
Vielen Dank für deine lieben Worte, Gabi. Ich bin gespannt, welche unterschiedlichen Beiträge deine Blogparade sammeln wird.
Liebe Grüße
Pia
Hallo. Gerade über die Bloghexen hier hineingestolpert und durchaus ein wenig beeindruckt. Viel Erfolg weiterhin. 🦌
Danke. Es freut mich, dass du vorbeigeschaut hast.
Viele Grüße
Pia