Kaum etwas begleitet das Schreiben so zuverlässig wie das Nicht-Schreiben. Tage, Wochen oder Monate, in denen man „eigentlich“ schreiben wollte. Stattdessen wird aufgeschoben, gezögert, gezweifelt. Schnell fällt dann ein Wort: Schreibblockade. Oder ein anderes: Prokrastination.
Aber was ist es denn? Beide Begriffe werden häufig synonym verwendet. Doch damit tut man sich keinen Gefallen, denn Schreibblockade und Prokrastinieren sind nicht dasselbe – und sie verlangen nach grundverschiedenen Antworten.
Ich stelle mir die Qualität des Schreibprozesses wie eine Achse vor. An dem einen Ende haben wir den Schreibflow, also den Zustand, in dem das Schreiben wie von selbst geht, man völlig darin versinkt und Raum und Zeit vergisst.
Der Schreibflow geht dann über in etwas, das ich „alltägliches Schreiben“ nenne. Der Prozess läuft nicht rauschhaft oder perfekt ab, sondern mal etwas besser, mal etwas schlechter, aber insgesamt zufriedenstellend.
Folgt man der Achse weiter, beginnt irgendwann der Bereich des Prokrastinierens. Das heißt, man spürt einen Widerstand gegen das Schreiben und schiebt es auf. Für Minuten, Stunden, Tage …
Und schließlich, am anderen Ende der Achse, ist die Schreibblockade angesiedelt. Der Schreibprozess ist dauerhaft ins Stocken gekommen.

Prokrastinieren oder Schreibblockade: Unterschiede im Überblick
✅ Schreibblockade = Man würde gerne schreiben, kann aber nicht. Der Zugang zum Text fehlt.

✅Prokrastinieren = Es ist möglich den Text weiterzuschreiben, man schiebt das Schreiben jedoch erst einmal auf, weil man einen Widerstand dagegen fühlt.

✅ Gegen eine Schreibblockade helfen Abstand vom Text, Erholungspause, Ursachensuche und kleinschrittiger Wiedereinstieg ins Schreiben.

✅ Gegen das Prokrastinieren helfen u. a. niederschwellige, klar umrissene Schreibaufgaben und Body Doubling.

Schreibblockade oder Prokrastinieren? Was ist der Unterschied?

Sowohl eine Schreibblockade als auch das Prokrastinieren stellen eine Störung im Schreibprozess dar, die mit einem Leidensdruck einhergeht. Der Unterschied besteht darin, dass man beim Prokrastinieren durchaus in der Lage ist, den Text zu schreiben. Man vermeidet möglichst das Schreiben, man hat starke Schwierigkeiten damit, sich selbst mit dem Schreiben beginnen zu lassen, aber am Ende entsteht trotzdem ein fertiger Text.

Bei einer Schreibblockade möchte man gerne schreiben, es funktioniert jedoch nicht. Man setzt sich an den Schreibtisch, bringt jedoch keinen fertigen Text zustande bzw. das Schreiben macht keine richtigen Fortschritte. Eine Schreibblockade kann unterschiedlich aussehen. Entweder man hat überhaupt keine Ideen oder man schreibt zwar, löscht jedoch immer wieder den Text oder überarbeitet endlos die selbe Szene und macht auf diese Weise keine Fortschritte.

Wenn man mal keine zündende Idee hat für das nächste Kapitel, braucht man noch nicht von einer Schreibblockade zu sprechen. Räumt man erst mal den Schreibtisch auf und schreibt dann erfolgreich das Tagespensum, dann leidet man offensichtlich auch nicht unter dem Prokrastinieren. Beides setzt voraus, dass ein Leidensdruck vorhanden ist. Man würde gerne, es geht aber nicht. Auf die Dauer reagieren Autorinnen und Autoren auf diese Situation mit Verzweiflung, Selbstzweifeln bis hin zu Selbsthass. Wenn das Schreiben zur eigenen Identität gehört und dauerhaft nicht mehr funktioniert, dann kann einen das schon aus der Bahn werfen. Trotzdem gibt es immer noch Menschen, die die Existenz einer Schreibblockade in Zweifel ziehen.

Gibt es Schreibblockaden wirklich?

„Schreibblockaden gibt es nicht!“ Immer wieder werden Stimmen von Autorinnen und Autoren laut, die behaupten, es gäbe gar keine Schreibblockaden. Ich kann diese Aussage akzeptieren, wenn man sie sich selbst gegenüber als eine Art Schutzzauber einsetzt, um mögliche Blockaden von sich fernzuhalten. Allerdings finde ich es unakzeptabel, so etwas anderen Autor*innen an den Kopf zu werfen. Erstens bedeutet es, Schwierigkeiten, denen andere Menschen begegnen, einfach zu negieren. Gibt es nicht! Fertig. Andererseits öffnet es für andere Spekulationen den Raum. Wenn keine Schreibblockade der Grund ist, dass du nichts schreibst, was ist es dann? Dummheit? Faulheit? Unfähigkeit?

Es gibt noch eine andere, versöhnlichere Variante der Aussage „Schreibblockaden gibt es nicht.“ Und zwar kann man das auch so verstehen, dass es nur Projektblockaden gibt, aber keine grundsätzlichen Schreibblockaden. Man kommt also bei diesem einen Projekt keinen Schritt voran, kann jedoch an einem anderen Projekt sehr wohl schreiben. Diese Perspektive finde ich produktiv, weil sie der Autorin oder dem Autor keine grundlegende Eignung abspricht, sondern den Blick darauf lenkt, dass es bei diesem einen Projekt ein Problem gibt – und einzelne Probleme kann man lösen.
Es ist nicht unüblich, ständig an mehreren Schreibprojekten zu arbeiten, die sich in verschiedenen Stadien befinden. Wenn ein Projekt dann blockiert, braucht man nicht in Panik zu verfallen oder die eigenen Fähigkeiten anzuzweifeln.

Was kann man gegen das Prokrastinieren tun?

Jetzt kommen wir darauf zurück, mit welchen unterschiedlichen Herangehensweisen, man das Problem des Prokrastinierens oder der Schreibblockade lösen kann.

Wenn man prokrastiniert, hat man oft das Gefühl, eine ordentliche Portion Disziplin und Willenskraft würden das Problem lösen. Vielleicht beschert uns dieser Weg dann einen guten Tag, doch dann kommt erneut der Absturz. Auf Disziplin und Willenskraft zu setzen verschärft eher das Problem des Prokrastinierens, weil zum Beispiel der Perfektionismus und die Versagensängste, die hinter dem Aufschieben stecken können, dadurch nur erneut gereizt werden.

Besser funktioniert es, sich auf den Prozess statt auf das Produkt zu konzentrieren. Das bedeutet auch, das Schreiben wieder so angenehm zu gestalten, dass man es genießen kann, ohne den Text zu bewerten.

Was konkret am besten gegen das Prokrastinieren hilft, hängt davon ab, welcher Typ man ist und in welchem Stadium des Prokrastinierens man sich befindet. Ein gutes Mittel kann darin bestehen, dass man sich nicht alleine hinsetzt, um zu schreiben, sondern dass man sich online oder in Präsenz mit jemandem verabredet. „Body doubling“ nennt man das auch. Der andere Mensch muss nicht zwangsläufig ebenfalls schreiben, er kann auch beispielsweise häkeln oder die Steuererklärung machen. Wichtig ist nur, dass man nicht alleine ist und beide sich verpflichten, für eine bestimmte Zeit etwas zu erledigen.

Ebenso ist es sehr hilfreich, sich konkrete, machbare Aufgaben zu geben, die man in einem vorgegebenen Zeitrahmen erledigt. „30 Minuten lang den Streit zwischen X und Y im Blumenladen schreiben.“ Im nächsten Schritt bewertet man, wie das Erledigen dieser Aufgabe gelaufen ist und was man dadurch Neues erfahren hat. „Erst dachte ich, mir fällt nichts ein, aber dann sind es doch fast 500 Wörter geworden. Ich weiß jetzt, dass es besser ist, wenn erst später herauskommt, dass Y kein Alibi hat.“

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Was kann man gegen eine Schreibblockade tun?

Während es beim Kampf gegen das Aufschieben darum geht, sich sanft Richtung Text zu schubsen, wird dieser Weg bei einer Schreibblockade nicht helfen, sondern das Elend nur vergrößern.

Bei einer Schreibblockade geht es darum, die grundsätzliche Freude am Schreiben wieder zu erleben und erneut Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu gewinnen. Ebenso wichtig ist es, der Ursache für die Schreibblockade auf den Grund zu gehen. Schreibblockaden sind nicht sinnlos, sie teilen uns etwas mit. Ist es ein handwerkliches Problem? Liegt es an der eigenen Einstellung? Oder ist es ein Erschöpfungszustand, der am Schreiben hindert?

Um das in Ruhe herausfinden zu können, sollte man sich eine Pause erlauben, Abstand gewinnen. Anschließend findet man vielleicht Kolleg*innen oder Freund*innen, mit denen man über die Situation sprechen kann. Vielleicht kennt man einen Schreibcoach, dem oder der man vertraut. Oder man nähert sich dem Problem beim Journaling oder Freewriting. Nachdem man eine echte Pause eingelegt hat.

Sich dem Problem genähert zu haben, heißt natürlich nicht, dass ein Schalter umgelegt wurde und jetzt wieder alles ganz prima läuft.
Deswegen halte ich es an dieser Stelle für sinnvoll, Umwege einzulegen, was bedeutet mit ganz kleinen Schritten zu beginnen, viel Freewriting einzubauen und spielerisch an das Schreiben heranzugehen. Vielleicht mal eine Szene oder eine Zusammenfassung so schreiben, dass die fünfjährige Nichte es nicht nur versteht, sondern begeistert wäre. Oder einen Dialog schreiben mit dem Schreibprojekt oder mit der Blockade.
Man kann das Projekt auch verkleinern und machbarer machen, indem man den Text nur noch für eine einzige Person schreibt. Jeden Tag beginnt man ganz klassisch mit „Liebe Soundso …“ und erzählt ihr dann den Text. Ideal ist es, wenn man dieser Person den Text dann tatsächlich mailen kann.
Vielleicht fühlt es sich auch richtig an, die Pause mit diesem Projekt dann erst einmal zu verlängern und stattdessen eine Kurzgeschichte zu schreiben. Egal wie man sich entscheidet, es geht darum, sich zu erholen, Spaß zu haben und Vertrauen in den Schreibprozess aufzubauen.

Unterschiedliche Richtung, dasselbe Ziel

Zusammenfassend kann man also sagen, dass man unterschiedliche Richtungen einschlagen muss, um dasselbe Ziel, den gelungenen Schreibprozess, zu erreichen. Während man sich beim Prokrastinieren geradezu zum Schreiben verführen sollte, tritt man im Fall einer Schreibblockade am besten drei Schritte zurück, um sich nicht weiter aufzureiben, sondern mit Abstand die Lage zu sondieren.

So verstehe ich den Unterschied zwischen Prokrastination und Schreibblockade. Mir hilft das, genauer hinzuschauen und zu erkennen, ob ich gerade ausweiche oder ob mir der Zugang zum Text fehlt.
Andere Autor*innen erleben das anders, verwenden andere Begriffe oder ziehen die Grenze an einer anderen Stelle. Entscheidend ist nicht, wie man es nennt, sondern ob die Unterscheidung dabei hilft, sich weder unnötig unter Druck zu setzen, noch sich dauerhaft zu schonen.

About the Author Pia

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