In einem Schreibworkshop für Kinder traf ich einmal ein Mädchen, das besonders schöne Geschichten zu schreiben begann, aber nach den tollen Anfängen, die so plastisch waren und Spannung aufbauten, brach sie die Geschichten ab, weil ihr nicht einfiel, wie sie sie weiterschreiben könnte. Ich glaube, ganz unabhängig vom Alter passiert das vielen Menschen, die damit beginnen, Geschichten zu schreiben. Das hat mich neulich schon darüber bloggen lassen, was passiert, wenn man Geschichten regelmäßig nicht zu Ende schreibt. Jetzt schauen wir uns verschiedene Möglichkeiten an, was man in so einer Situation tun kann, um neue Ideen zu finden und die Geschichten zu Ende zu schreiben.

Es entsteht nur die erste Fassung

Ein wichtiger Grundgedanke lautet: Hier entsteht erst einmal nur die erste Fassung der Geschichte. Alles kann später verändert und verbessert werden. Wir können Sprünge machen, zum Beispiel weil uns eine spätere Szene schon klar vor Augen steht, wir aber noch nicht wissen, wie die Figur dahin kommt. Der Part dazwischen lässt sich später immer noch hinzufügen. Oder wir beschreiben erst einmal alles sehr ausführlich. Das wirkt dann eventuell erst einmal langweilig, aber das macht nichts, denn später können wir den Text immer noch straffen und Überflüssiges streichen. Zunächst hilft uns die Ausführlichkeit, die Geschichte besser vor unserem inneren Auge zu sehen und so zu weiteren Ideen zu kommen.

Schmierpapier oder neues Dokument nutzen


Mir passiert es manchmal, dass ich mit dem bisher geschriebenen Text ganz zufrieden bin und mich dann das Gefühl beschleicht, dieses Niveau keinesfalls halten zu können. Dann bleibe ich in der Geschichte stecken und komme nicht mehr weiter. In so einem Fall hilft es mir, entweder in einer neuen Datei oder auf einem anderen Blatt Papier (gerne Schmierpapier) weiterzuschreiben. Ich signalisiere mir damit, dass es nicht wichtig ist, was ich jetzt schreibe, senke also meinen horrenden Anspruch an mich selbst. Das allein hilft schon oft sehr gut. Aber auch für alle anderen hier vorgestellten Maßnahmen empfehle ich, erst einmal mit einem neuen Blatt oder einer neuen Datei zu arbeiten.

Was steckt alles im Anfang der Geschichte?


Wenn wir verzweifelt nach einer neuen Idee suchen, verlieren wir manchmal aus den Augen, was bereits vorhanden ist und darauf wartet genutzt zu werden.
Nehmen wir mal Snoopys berühmten ersten Satz: „In der Ferne bellte ein Hund.“ Wenn wir nur diesen Satz geschrieben hätten und nun nicht weiterwissen, dann können wir uns fragen, welche verschiedenen Elemente wir bislang haben. Zu jedem einzelnen Element kann man sich Fragen stellen. Schauen wir mal hin:

Die Ferne – Wie weit ist das Gebell weg? Wer ist der Erzähler oder Perspektivträger? Ist er vielleicht winzig klein und deswegen ist die Ferne das andere Ende eines Gartens? Oder ist er ein normaler Mensch? Wie sieht die Umgebung bis zur „Ferne“ aus? Ein Stadtgebiet? Ein nächtlicher Wald? Eine Wüste?


Bellen – Wie klingt das Geräusch? Ein hohes Kläffen oder ein tiefes Gebell? Welches Gefühl vermittelt das Gebell? Soll wohl ein Fremder verbellt werden oder bellt da jemand aufgeregt während des Spielens? Welche Gefühle kann das Geräusch bei der Person auslösen, die es hört?


Ein Hund – Wie sieht er wohl aus? Bei wem lebt er derzeit? Wo hat er möglicherweise vorher gelebt? Wie alt ist er? Wie geht es ihm? Was will er? …


„In der Ferne bellte ein Hund.“ ist ein banaler Satz, aber in ihm stecken so viele Dinge, die man sich fragen und an die man anknüpfen könnte. Beim Anfang einer Geschichte sind es noch viel mehr Dinge als in diesem Beispielsatz. Mach dir eine Liste mit allen Elementen, die im Anfang deiner Geschichte stecken. Vieles wird man nicht weiter beachten, aber ein, zwei Dinge werden darin stecken, die die Geschichte voranbringen.

Die Figur besser kennenlernen


Je besser wir die Figuren kennen, desto leichter fällt es, ihre Geschichte zu erzählen, denn der Charakter bestimmt die Handlung. Hier sind ein paar Fragen, die man sich stellen kann, um die Figur besser kennenzulernen:


Welche positiven und negativen Eigenschaften hat die Figur? Wie wirken sich diese Eigenschaften in der aktuellen Situation aus?


Wie sieht ein ganz normaler Tag im Leben der Figur aus? Vielleicht ist die Figur gerade auf einer einsamen Insel gelandet und es erscheint abwegig, sich über ihren Alltag zu Hause Gedanken zu machen. Jedoch wäre es auch in dieser Lage für die Autorin oder den Autor wichtig zu wissen, was die Figur für Angewohnheiten, Vorlieben, Ticks … hat, was sie verloren hat, falls es ihren Alltag nicht mehr gibt.


Was ist der allergrößte Wunsch der Figur? In dieser Frage steckt Gold, denn der größte Wunsch setzt die Figur in Bewegung und lässt sie etwas tun, um ihr Ziel zu erreichen oder um es zu beschützen.


Wovor hat die Figur Angst? Zum Glück hat jeder vor etwas Angst. Egal ob große existenzielle Angst oder kleine Spinnenphobie, auch Ängste zwingen eine Figur etwas zu tun und spinnen die Geschichte weiter.


Was ist das größte Geheimnis der Figur? Was soll niemand über sie wissen? Welchen Teil ihres Lebens, ihrer Vergangenheit oder ihrer Persönlichkeit möchte sie vor fremden Blicken schützen?


Ich mache zu solchen Fragen gerne ein Freewriting, das heißt, ich stelle einen Timer auf 5 Minuten und schreibe alles auf, was mir durch den Kopf geht. Wenn mir nichts mehr einfällt, wiederhole ich die die Frage so lange bis die nächste Idee auftaucht. Während der 5 Minuten darf man mit dem Schreiben nicht aufhören. Mehr zum Thema Freewriting liest du im Blogbeitrag Freewriting: Was es ist, wie es funktioniert und wie man es einsetzen kann.

Was war noch mal der Konflikt meiner Geschichte?


Hat man die Hauptfigur und gegebenenfalls auch andere wichtige Figuren besser kennengelernt, stellt sich die Frage nach dem Konflikt. Anders formuliert: Wo stecken die Schwierigkeiten für die Figuren? Wer steht ihnen im Weg? Was hindert sie daran, einfach nur glücklich vor sich hinzuleben? Warum können sie ihr Ziel nicht auf dem schnellsten Weg erreichen? Mit was haben sie innerlich zu kämpfen?
Sich darüber klar zu werden, welche Konflikte in der Geschichte vorhanden sind, setzt viele neue Ideen frei, denn die Figuren müssen ja irgendwie mit den Schwierigkeiten umgehen.

Ein Zufallselement nutzen


Um die Geschichte weiterfließen zu lassen, kann man auch ein Zufallselement nutzen, zum Beispiel muss das Wort „lila“ vorkommen oder ein Hubschrauber oder etwas, das sich „moosig“ anfühlt.
Auf diese Weise verkleinern wir das große Ziel namens „Die Geschichte sinnvoll zu Ende schreiben“, denn es ist so viel machbarer, dieses eine Element sinnvoll einzuflechten. Indem wir die Geschichte so in Fluss bringen, werden auch weitere Ideen auftauchen.
Zufallselemente kann man finden, indem man ein Buch aufschlägt und blind auf ein Wort zeigt bzw. dann das nächstgelegene Nomen, Verb oder Adjektiv nutzt. Es kann zusätzlich nützlich sein, einen Timer auf fünf Minuten zustellen und in dieser Frist das Wort in der Geschichte unterzubringen.

12 neue Ideen


Es klingt paradox, aber wenn man Schwierigkeiten damit hat, eine neue Idee zu finden, hilft es stattdessen 12 neue Ideen zu suchen. Oder 14. Oder 27. Hier geht es darum, wirklich jede noch so abwegige und unpassende Idee aufzuschreiben, um bloß auf die vorher festgelegte Summe an Ideen zu kommen. Wenn jeder auch noch so absurde Einfall zusammengekratzt werden muss, dann kommt die Ideen-Maschinerie wieder in Schwung. Nach meiner Erfahrung ist es oft so, dass dann nicht eine der 12 Ideen in der Geschichte verwendet wird, aber eine der 12 Ideen bildet die Brücke zu dem Einfall, der dann in die Geschichte aufgenommen wird.

Sich an einer bekannten Struktur orientieren


Wenn man nicht weiß, wie die Geschichte weitergehen soll, kann man sich an einer bekannten Struktur festhalten und sich von ihr durch die Geschichte ziehen lassen.
Da wäre beispielsweise die ganz grobe Märchenstruktur „Der Figur wird eine tolle Belohnung in Aussiecht gestellt. Die Figur nimmt drei Anläufe, beim dritten Versuch klappt es, Happy End.“ Wie würde meine Geschichte aussehen, wenn ich diese Struktur nutze?
Oder man verwendet ein einzelnes Märchen als strukturelles Vorbild, wie etwa wenn sich jemand auf einem wie auch immer geartetem Weg befindet und allen Warnungen zum Trotz auf die Bedrohungen reinfällt – Rotkäppchen, ick hör dir trapsen.


Strukturen können jedoch auch völlig anders aussehen. Wie wäre es, wenn ich meine Geschichte wie eine Speisekarte erzähle, als Traueranzeige oder als polizeiliches Protokoll? Wie gesagt, die Geschichte muss nicht so bleiben, aber aus der Verwandlung heraus, können Einsichten für den weiteren Verlauf gewonnen werden.


Und schließlich, vor allem wenn es sich um eine längere Geschichte handelt, kann man sich eines der bekannten Plotmodelle ansehen, zum Beispiel die Heldinnenreise* oder die Beats nach Black Snyders ‚Save the cat‘*, um zu prüfen: Was weiß ich schon? Wo steht meine Geschichte gerade? Was fehlt mir noch? Was ist der nächste Schritt?

Was machst du, wenn du in einer Geschichte stecken bleibst und keine Ideen mehr hast?

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About the Author Pia

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  1. Wow, liebe Pia.
    Eine Flut von Ideen hast du in deinem Blog zur Verfügung gestellt. So wertvoll und so einfach umzusetzen.
    Ich arbeite mit Kindern, die ihre eigenen Geschichten schreiben oder gemeinsam ein Buch und verwende da auch ganz eigene Methoden.
    Es ist schön zu sehen – und später zu lesen – wie ein kleiner Stupser die Fantasie beflügelt. Danke für deine Gedanken hierzu.

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