Silent Books sind Bilderbücher, die ohne Text auskommen. Sie erzählen eine Geschichte ohne Worte. Dadurch fördern sie das Sprechen und Erzählen und unterstützen auch beim Erlernen einer neuen Sprache. Sie fördern aber auch die Fantasie und können als wertvoller Schreibimpuls beim kreativen Schreiben mit Kindern eingesetzt werden.

Meistens, nicht immer, peilen Silent Books eine jüngere Zielgruppe im Kindergartenalter an, nichtsdestotrotz eignen sie sich gut als Schreibanregung für ältere Kinder. Sie entlasten die schreibenden Kinder, weil sie nicht mehr vor der Aufgabe stehen, sich alles alleine ausdenken zu müssen: die Figuren, das Setting, die Handlung. Gleichzeitig ist es aber auch immer möglich, die Vorgaben der Bildergeschichte hinter sich zu lassen, eigene Ideen einzuflechten oder völlig andere Entwicklungen zu wählen.

Die Stadtbücherei Schwelm hatte mich freundlicherweise zu einer Workshopreihe eingeladen, bei der Grundschulkinder unterstützt von Silent Books Geschichten schreiben sollten. In die Workshops kamen Kinder der dritten und vierten Klasse. Die Gruppen waren sehr gemischt, einige Kinder schrieben gerne und ausdauernd, andere fanden Schreiben schwierig und langweilig oder konnten noch nicht gut Deutsch. Wer nicht gerne schreibt oder nachmittags einfach zu müde ist, kann in diesem Workshop auch malend die Ideen zu den Geschichten festhalten. Mir war es wichtiger, ein angenehmes Zusammentreffen von Buch und Kind zu gestalten, als ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen.

Aus den vielen Silent Books habe ich solche ausgesucht, die eine möglichst spannende Geschichte erzählen, die aber auch nicht zu komplex sind. Es gibt auch wunderschöne Bilderbücher für ältere Kinder oder erwachsene Menschen, aber für den Kontext dieser Workshops erschienen mir Geschichten geeignet, deren Plot sofort nachvollziehbar ist.

Kreatives Schreiben mit Silent Books im Überblick
✅ Silent Books sind Bilderbücher ohne Text. Die Geschichte wird ausschließlich über Illustrationen erzählt – Leser*innen entwickeln ihre eigene Handlung.

✅ Die Vorgaben durch das Buch entlasten Kinder beim Schreiben ihrer eigenen Geschichte. Gleichzeitig bleibt genug Raum, um Fantasie, Ausdruck und Sprachgefühl zu trainieren.

✅ Kinder können zum Beispiel das Ende der Geschichte schreiben, nur die Dialoge, eine Figur auswählen und aus ihrer Perspektive erzählen oder sich selbst als Figur in die Geschichte schreiben.

Geschichten zusammen erzählen als Warm-Up


Für den Einstieg habe ich mir das Bilderbuch „Der lange Weg nach Hause“* von Laura Bednarski ausgesucht. In diesem Buch findet ein Tiger im Dschungel einen Plüschtiger und reist quer durch die Welt bis in eine ferne Stadt, um das Plüschtier zurück zu einem Mädchen zu bringen. Mir war es wichtig, für den Anfang eine Aufgabe zu haben, die nur eine sehr niedrige Hürde darstellt und die alle Kinder einbezieht.

Seite für Seite haben wir uns deswegen das Buch zusammen angeschaut und gesammelt, was dort zu sehen war. Anschließend habe ich das Buch reihum gegeben und die Kinder haben pro Seite ein, zwei Sätze gesagt, die ich mitgeschrieben habe. So haben wir zusammen die erste Geschichte geschrieben, die ich dann natürlich noch mal vorgelesen habe.

Eine blonde Frau steht in einer Stadtbücherei und zeigt ein Bilderbuch.

Man kann auch – je nach Gruppe – einen Gegenstand mitbringen, ich würde einen Schuhanzieher nehmen, und zunächst überlegen, was man alles damit machen kann. Ohne Realitätscheck. Mit einem Schuhanzieher kann man zum Beispiel paddeln, graben, sich am Rücken kratzen, hauen, fechten, umrühren, essen, ihn als Hockeyschläger oder Tennisschläger verwenden, balancieren, ihn als Lineal, Hering für ein Zelt, als Sonnenschutz, Lesezeichen oder Brücke nutzen …

Im nächsten Schritt gibt man das Buch herum, wieder entsteht die Geschichte, indem jedes Kind einen Satz hinzufügt. In dieser Version soll aber pro Buchdoppelseite einmal der Schuhanzieher verwendet werden (der auf den Bildern nicht vorkommt). Der Schuhanzieher darf allerdings nicht zweimal in derselben Funktion verwendet werden.

An dieser Version der Aufgabe gefällt mir, dass die Kinder verstehen, dass sie sich nicht von der Bildervorlage begrenzen lassen müssen. Auch die Notwendigkeit, einander zuzuhören, ist ein Vorteil.

Das Ende der Geschichte schreiben


Das Bilderbuch „Pssst. Eine Räubergeschichte“* von Tini Malitius erzählt von einem Einbrecher, der sich nachts durch ein Haus bewegt und mehrere Dinge stiehlt, bis der Hund des Hauses aufwacht und ihn stellt. Unmittelbar nachdem der Hund dem Einbrecher auf die Schulter getippt hat, folgt eine schwarze Doppelseite. Bis dort haben wir das Buch gemeinsam betrachtet und die Kinder sollten dann von dieser Stelle aus das Ende der Geschichte schreiben.

Die Kinder griffen die Vorlage auf sehr unterschiedliche Weise auf. Das begann schon bei der Frage, wer der Einbrecher eigentlich sei. Ein Mensch? Ein Hund? Ein Außerirdischer? Alles ist möglich. In manchen Geschichten stahl der Dieb für einen guten Zweck und bekam dafür am Ende Unterstützung von der Familie, der das Haus gehört.

Dialoge schreiben


Den stummen Bilderbuchfiguren Dialoge zu schreiben ist eine Aufgabe, die sich sowohl gut für Kinder eignet, für die es noch eine große Hürde ist, eine ganze Geschichte zu schreiben als auch für schon erfahrenere junge Autor*innen, die sich schon damit auseinandersetzen können, wie unterschiedlich Figuren sprechen.

Für diese Schreibanregung habe ich Klebezettel in Sprechblasenform besorgt, die es in bunt gibt* oder in verschiedenen Formen, wie man sie aus Comics kennt*, sodass man auch mit der Form noch etwas ausdrücken kann.
Als Buch hatte ich dafür „Der Hühnerdieb“* von Béatrice Rodriguez ausgesucht, weil dort sehr unterschiedliche Gefühle vorkommen, die man gut in Sprechen umsetzen kann und für die man eventuell auch unterschiedliche Sprechweisen der Figuren findet, wenn man schon so weit ist.

Die ‚andere‘ Geschichte schreiben


Auch aus der Dialog-Übung sind Geschichten hervorgegangen, die anders verliefen, als man es hätte voraussehen können. Vielleicht stiehlt der Fuchs nämlich gar nicht das Huhn, vielleicht waren die beiden von Anfang an verabredet!, aber die anderen Freunde des Huhns sind eifersüchtig!
Das hat mich auf die Idee gebracht, die ich noch nicht mit einer Gruppe ausprobiert habe, dass man von vornherein ausprobieren könnte, die von den Bildern erzählte Geschichte gegen den Strich zu bürsten und eine freiere, möglichst andere Version zu erzählen ohne die Vorgaben der Bilder komplett zu verlassen.

Einfacher wäre es, eine Figur der Geschichte zu wählen und sie einen Brief schreiben zu lassen, indem sie die Geschichte aus ihrer Sicht erzählt.

Du als Figur in der Geschichten


Schließlich haben wir uns das Silent Book „Tief im Ozean“* von John Hare angeschaut. Darin macht eine Klasse per U-Boot einen Ausflug auf den Grund des Ozeans. Dort steigen sie aus und eine Figur ist so damit beschäftigt Fotos zu machen, dass sie den Anschluss an die Gruppe verliert.

Jeder kennt Klassenausflüge, jeder kann nachvollziehen, wie es ist den Anschluss zu verlieren und allein in der Fremde zurückzubleiben. Das ist die ideale Gelegenheit, um eine eigene Version dieser Geschichte zu schreiben. Die Kinder sollen entweder eine eigene Figur erfinden oder sich vorstellen, dass sie selbst in die Tiefen des Ozeans reisen. Wen treffen sie dort? Einen Delfin, einen Anglerfisch, eine Krake oder eine Meerjungfrau? Was erleben sie gemeinsam?

Für diese Aufgabe haben die Kinder ein aus einem A3-Blatt erstelltes Faltbuch bekommen. Mit etwas mehr Zeit und weniger Kindern kann man auch die Kinder das Buch selbst falten lassen. Mit so einem Buch ist der Platz eingegrenzt, was das Schreiben schon mal leichter macht. Es sieht nicht nach Schule aus und das Cover muss auch noch gestaltet werden.

Zwei Faltbücher mit von Kindern gemalten Covern.

Silent Books für ältere Autorinnen und Autoren

Ich kann mir gut vorstellen, auch in Schreibworkshops, die eigentlich einen anderen Schwerpunkt haben, hier und da Silent Books einzusetzen. Mit Jugendlichen und Erwachsenen könnte „Der Tag der Wale“* von Tommaso Carozzi und dem Autorenkollektiv Cornelius genutzt werden, eine düstere Fabel, die politische und gesellschaftsrelevante Themen ins Spiel bringt.
Oder das wunderschöne Buch „Sommer“* von Jihyun Kim dient als Sprungbrett, um sich mit allen Sinnen mit einer Jahreszeit auseinanderzusetzen.

*Affiliate-Link

About the Author Pia

Share your thoughts

Your email address will not be published. Required fields are marked

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}