Das Kreative Schreiben steckt bei näherem Hinsehen voller Fachbegriffe und seltsamer Bezeichnungen. Wo bitte schön hoppeln Plot Bunnys? Warum Freewriting? Ist nicht jedes Schreiben frei? Und worin besteht der Unterschied zwischen Lektorat und Korrektorat? (Und kann nicht beides die Nachbarin der Cousine meiner Kollegin für lau erledigen?) Dieses Glossar bietet Orientierung, indem es zentrale Begriffe und Fachausdrücke verständlich erklärt. Als work-in-progress wird es ständig erweitert. Nenn mir gerne in den Kommentaren Begriffe, die noch aufgenommen werden sollten.
Antagonist
Der Antagonist ist die Gegenspielerfigur des Protagonisten, also der Gegner der Hauptfigur. Er verkörpert den Konflikt oder die Widerstände, die die Hauptfigur überwinden muss. Der Antagonist kann ein „Bösewicht“ sein, das muss jedoch nicht der Fall sein. Er kann auch der beste Freund der Hauptfigur sein, der jedoch dasselbe Ziel erreichen will und nur einer kann es schaffen. Ebenso gut kann der Antagonist eine nicht-menschliche Kraft sein, gegen die der Protagonist kämpft, wie etwa die eisigen Lebensbedingungen in der Antarktis, gegen die ein Polarforscher kämpft.
Cluster
Das Clustern ist eine Methode der Ideenfindung, bei der ein zentrales Wort in die Mitte geschrieben und assoziativ mit verwandten Begriffen verknüpft wird. Die Methode wurde von Gabriele L. Rico entwickelt und lässt sich vielfältig einsetzen, zum Beispiel um das Gefühl für die Musikalität von Sprache zu verbessern, um Spannung aufzubauen oder um Bildimpulse zu Texten werden zu lassen. Hier erkläre ich die Cluster-Methode ausführlicher.
Dialog
Ein Dialog ist der gesprochene Austausch zwischen zwei oder mehr Figuren in einem literarischen Text. Er vermittelt Informationen, treibt die Handlung voran und macht Beziehungen zwischen Figuren sichtbar. Gut geschriebene Dialoge klingen natürlich, spiegeln die Persönlichkeit der Figuren wider und enthalten oft unausgesprochene Untertöne, also Subtext. Die Redeweise der Figuren und ihr Umgang miteinander im Dialog zeigen auch ihren Charakter.
Erzählhaltung
Die Erzählhaltung beschreibt die Einstellung oder Perspektive, aus der der Erzähler eine Geschichte vermittelt. Sie bestimmt, wie Ereignisse, Figuren und Stimmungen dargestellt und bewertet werden. Eine Erzählhaltung kann zum Beispiel neutral, distanziert, ironisch, empathisch oder wertend sein und beeinflusst stark die Wirkung der Geschichte auf den Leser. Sie hilft, die emotionale Distanz zwischen Erzähler, Figuren und Publikum zu steuern und die Stimme des Textes zu prägen. Eine bewusste Wahl der Erzählhaltung macht Texte konsistent und verstärkt die gewünschte Leseerfahrung. Gerade wenn die Geschichte nicht in Fluss kommen will, lohnt es sich, verschiedene Erzählhaltungen zu testen.
FanFiction
Als FanFiction bezeichnet man Geschichten, die auf bestehenden fiktionalen Welten oder Figuren basieren, jedoch von Fans selbst geschrieben werden. Es gibt zum Beispiel viele, viele Geschichten, die im Harry-Potter-Universum angesiedelt sind, in den Welten der Jane Austen oder rund um Star Wars. Bei Werken, deren Verfasser noch nicht 70 Jahre tot sind, gilt es das Urheberrecht zu beachten, die auf diesen Büchern basierende Fan Fiction darf also nicht überall veröffentlicht werden. Doch es gibt spezielle Foren für FanFiction, wo man diese Geschichten lesen und mit anderen Fans teilen kann. Das größte deutschsprachige Forum ist fanfiction.de, im englischsprachigem Raum ist das Archive of Our Own die wichtigste Anlaufstelle.
Feedback
Unter Feedback versteht man die Rückmeldung zu einem Text durch andere Personen, um Stärken und Verbesserungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Hilfreich ist es, wenn die Feedbackgeber zunächst die Geschichte zusammenfassen, die sie gelesen haben, so wird bereits geklärt, wie die Geschichte verstanden und interpretiert wird. Anschließend kann man alles Aufzählen, was positiv aufgefallen ist, denn das können Autor*innen nicht so gut einschätzen, wie Feedbackgeber glauben. Wenn der Autor es wünscht, kann der Feedbackgeber dann auf die Stellen hinweisen, die verbessert werde können.
Freewriting
Freewriting ist ein freies, spontanes Schreiben ohne Pause, Struktur oder Bewertung. Es dient dazu, Ideen zu entwickeln und Schreibblockaden zu überwinden. Man nimmt sich 5 bis 10 Minuten Zeit, um entweder zu einem bestimmten Thema oder um den eigenen Kopf „zu entleeren“, jeden Gedanken, der durch den Kopf schießt, festzuhalten. Eine Anleitung zum Freewriting findest du hier.
Konflikt
Konflikte sind ein zentrales Spannungsmoment einer Geschichte, das Figuren zu Entscheidungen und Entwicklungen zwingt. Der klassische Konflikt besteht darin, dass zwei Figuren dasselbe oder ein sich ausschließendes Ziel erreichen möchten. Konflikte bestehen jedoch auch im Inneren der Figuren, wenn sie mit widerstreitenden Gefühlen kämpfen, Ängste überwinden müssen etc.
Korrektorat
In einem Korrektorat wird der Text auf sprachliche, grammatische und orthografische Fehler überprüft. Dieser Überarbeitungsdurchgang erfolgt nach dem Lektorat, also nachdem die inhaltliche Überarbeitung abgeschlossen ist.
Lektorat
Eine Lektorin oder ein Lektor überprüft den Text inhaltlich, stilistisch und strukturell mit dem Ziel, Verständlichkeit und Wirkung zu verbessern. Das Lektorat ist ein Schritt auf dem Weg zur Veröffentlichung, auf den man nicht verzichten sollte, auch wenn er für Selfpublisher kostenintensiv ausfallen kann. Lektoren bringen Kenntnisse und Fähigkeiten mit, die ein befreundeter oder verwandter Mensch, der sich als Testleser zur Verfügung stellt, nicht hat.
Normseite
Eine Normseite ist ein Standardformat im Schreib- und Verlagswesen. Sie entspricht 30 Zeilen mit jeweils 60 Anschlägen inklusiv Leerzeichen. Sie dient dazu, Textlängen vergleichbar zu machen und Manuskripte für Lektorat, Korrektorat oder Verlage besser kalkulierbar zu halten. Je nach Größe der Seitenränder, Schriftart und Schriftgröße variiert die Formatierung einer Normseite. Eine ausführliche Erklärung und Dateivorlagen zum Download findet man beim Literaturcafé.
Plot
Der Plot ist die strukturierte Abfolge der Ereignisse in einer Geschichte – also die Handlung in ihrer Gesamtheit. Er ist die Oberfläche der Geschichte, das, was sich am einfachsten zusammenfassen lässt. Unterhalb des Plots befinden sich die der Geschichte zugrunde liegende Themen und großen Fragen, die durch die Ereignisse des Plots sichtbar und greifbar gemacht werden. Ein Beispiel: In „Kleine Dinge wie diese“* rettet ein Familienvater eine junge Frau aus einem der elenden Häuser für ‚gefallene Mädchen‘. Das ist stark verkürzt der Plot. Darunter liegen Themen wie Nächstenliebe, Mitläufertum, Schuld … die durch die Geschichte diskutiert werden.
Plot Bunny
Plot Bunnys sind spontane Ideen für Geschichten, die scheinbar aus dem Nichts auftauchen. Sie sind meist lebendig, verlockend und drängen sich so energisch in den Vordergrund, dass sie Schreibende von aktuellen Projekten ablenken können. Gerade in der Mitte eines entstehenden Projekts, wenn der Anfangsschwung verflogen und das Ende noch nicht in Sicht ist, stürzen sich Plot Bunnys auf Autor*innen. Der Begriff spielt darauf an, dass sich diese Ideen „wie Kaninchen vermehren“. Ein kluger Umgang damit ist es, sie in einer Ideensammlung festzuhalten, ohne sich sofort von ihnen vom eigentlichen Projekt ablenken zu lassen.
Plot-Twist
Ein Plot-Twist ist eine unerwartete Wendung in der Handlung, die die Perspektive oder Bedeutung der Geschichte verändert. Gute Plot-Twists sind vorbereitet, wirken aber dennoch unerwartet und glaubwürdig. Ein berühmter Plot-Twist stammt aus dem Film „The Sixth Sense“*, wenn sich am Ende herausstellt, dass der Psychologe bereits die ganze Zeit tot ist. Plot-Twists können aber auch schon früher in der Handlung geschehen.
Prokrastinieren
Das Prokrastinieren ist das Aufschieben des Schreibens. Statt sofort zu beginnen und die Zeit, die für das Schreiben zur Verfügung steht, zu nutzen, werden Ausreden und Vermeidungstaktiken genutzt. Dies führt zu Frust, Selbstzweifeln und Termindruck. Das Prokrastinieren kann auch in eine Schreibblockade übergehen. Schau dir hier den Mini-Workshop „Schreiben statt prokrastinieren“ an.
Protagonist
Der Protagonist ist die Hauptfigur einer Geschichte, deren Ziel, Entwicklung oder Konflikt im Mittelpunkt steht. Man spricht also von der Hauptfigur oder dem Protagonisten, niemals jedoch vom „Hauptprotagonisten“. (Looking at you, liebe Münsteraner Studentinnen …)
Schreibanregung / Schreibimpuls
Eine Schreibanregung ist eine Art Aufgabe, die den Schreibprozess anstößt. Sie hilft, ins Schreiben zu kommen, Blockaden zu lösen und neue Ideen zu entwickeln und kann dabei nicht richtig oder falsch gemacht werden. Schreibanregungen zielen entweder rein darauf ab, die Fantasie anzuregen und einen Text entstehen zu lassen oder sie sind auf einen bestimmten Aspekt des Schreibhandwerks ausgerichtet, der mithilfe dieser Schreibanregung gezielt ausprobiert oder geübt werden kann. Die Begriffe Schreibanregung und Schreibimpuls werden allgemein synonym genutzt. Hier findest du 33 kreative Schreibanregungen, die deine Fantasie anregen.
Schreibblockade
Eine Schreibblockade ist die Unfähigkeit, mit dem Schreiben fortzufahren; häufig durch Perfektionismus, Stress oder Überforderung verursacht. Sie kann Stunden, Tage oder länger dauern. In dieser Zeit stellen sich keine neuen Ideen ein oder das Schreiben macht keinen Fortschritt, weil der Autor nie zufrieden ist mit dem, was er schreibt und es wieder löscht. Je nach Schweregrad der Schreibblockade können zum Beispiel passende Schreibanregungen, die kreative Energie von Workshops oder Schreibtreffs oder bei besonders hartnäckigen Fällen die Begleitung eines Schreibcoachs helfen, die Blockade zu lösen.
Schreibflow
Der Schreibflow ist der Zustand konzentrierten, mühelosen Schreibens, in dem der kreative Prozess flüssig und intuitiv verläuft. In diesem Moment verliert man das Zeitgefühl und ist vollständig in die kreative Tätigkeit vertieft. Viele Schreibende empfinden den Schreibflow als besonders erfüllend und streben danach, ihn bewusst herbeizuführen, doch jeder muss für sich selbst herausfinden, was er benötigt, um in den Schreibflow zu finden.
Schreibprozess
Der Schreibprozess ist der Gesamtablauf des Schreibens von der Idee über den Entwurf und die Überarbeitung bis zur Fertigstellung. Er verläuft nicht linear, sondern in Schleifen, zum Beispiel muss man auch während der Überarbeitung wieder Ideen generieren, um Passagen neu zu entwerfen und zu schreiben. Die Feinheiten des Schreibprozesses sind individuell und unterscheiden sich von Schreibendem zu Schreibendem. Diesen Punkt zu missachten und einen fremden Schreibprozess kopieren zu wollen, kann zu einer Schreibblockade führen.
Schreibstil
Der Schreibstil ist die individuelle Ausdrucksweise eines Autors oder einer Autorin, sie ist geprägt durch die Wortwahl, den Satzbau und den Tonfall. Es ist völlig normal, den eigenen Schreibstil geringzuschätzen. Obwohl er individuell und mit der Persönlichkeit der Autorin verbunden ist, lässt sich das Spektrum des Schreibstils durch Übung erweitern.
Show, don’t tell
„Show, don’t tell“, zeigen statt erzählen, ist eine grundlegende Schreibtechnik, bei der Gefühle, Stimmungen und Situationen durch Handlungen, Sinneseindrücke und Details gezeigt statt einfach benannt werden. Dadurch entsteht ein lebendiges Leseerlebnis, weil die Leserinnen selbst Schlüsse ziehen. Diese Methode macht Texte emotionaler und glaubwürdiger, da sie Figuren und Ereignisse plastischer wirken lässt. Ein gutes „Zeigen“ nutzt konkrete Beobachtungen – etwa Körperreaktionen, Dialoge oder Umgebungsbeschreibungen – statt abstrakter Begriffe. Gleichzeitig ist es kein Dogma: Effektives Erzählen entsteht durch ein bewusstes Gleichgewicht zwischen „Show“ und „Tell“.
Spannung
Unter Spannung kann man alles verstehen, was die Leserinnen zum Weiterlesen veranlasst. Das Gefühl der Erwartung und Neugier wird erzeugt durch Konflikte, Fragen und ungewisse Entwicklungen. Aber auch Humor kann so gesehen ein Spannungselement sein, wenn man das Buch nicht weglegt, weil man die nächste witzige Textstelle erleben möchte. Ebenso können Strukturelemente des Textes für Spannung sorgen, wenn ich etwa den reinen Dialog-Roman „Das Wetter vor 15 Jahren“* von Wolf Haas lese, frage ich mich, wie sich die Geschichte nur durch Dialoge entfalten kann, wie das auf mich wirkt, ob tatsächlich nichts anderes in dem Roman vorkommt usw. Auf diese Weise sorgt hier die Struktur für Spannung.
Subtext
Der Subtext bezeichnet die Bedeutungsebene eines Textes, die nicht explizit ausgesprochen, sondern zwischen den Zeilen vermittelt wird. Er zeigt, was Figuren wirklich fühlen oder denken, auch wenn ihre Worte etwas anderes sagen. Subtext entsteht durch Gestik, Stimmung, Andeutungen oder unausgesprochene Konflikte und verleiht Szenen dadurch Tiefe und Komplexität. Besonders in Dialogen macht er Texte realistischer, weil Menschen im Alltag ebenfalls selten alles direkt aussprechen. Ein wirkungsvoller Subtext lädt Leser dazu ein, aktiv mitzudenken und die verborgenen Botschaften zu entschlüsseln.
Testleser
Bei Testlesern handelt es sich um Personen, denen man das Manuskript zum Lesen gibt, damit sie ein Feedback geben. Die ideale Testleserin ist selten anzutreffen, sie kennt sich im Genre des Manuskripts gut aus und versteht es, kritisch zu lesen. Testleser können wertvolle Hinweise liefern, ersetzen jedoch nicht das Lektorat. Ihnen konkrete Fragen mitzugeben kann den Nutzen des Testlesens erhöhen.
Vorausdeutung
Die Vorausdeutung ist ein erzählerisches Mittel, bei dem zukünftige Ereignisse angedeutet werden, um Spannung und Erwartung zu erzeugen. Vorausdeutungen können zukunftsgewiss sein, dann weiß der Erzähler, dass etwas eintreten wird („Dieses ‚Gute Nacht‘ sollte das letzte sein, was sie von ihm hörte.“). Oder die Vorausdeutung ist zukunftsungewiss, dann äußert der Erzähler lediglich eine Vermutung und es bleibt offen, ob sie eintreffen wird. Auch in die Geschichte eingeflochtene Bilder können eine subtile Vorausdeutung sein: Zum Beispiel kann ein aus dem Hafen segelndes Schiff, das die Figuren sehen auf einen Abschied oder Tod hindeuten, um mal ein etwas kitschiges Beispiel zu bemühen.
*Affiliate-Link

5 comments