Wie oft passiert es, dass du eine Geschichte nicht zu Ende schreibst? Wahrscheinlich kennt das jeder: Da taucht eine hochinteressante Figur im Kopf auf, völlig fasziniert beginnt man ihre Geschichte zu schreiben – und stellt nach drei Seiten fest, dass die hochinteressante Figur eine Art Blender und in Wahrheit völlig blass war. Weg mit der Geschichte. Oder man ist schon ein gutes Drittel weit im Roman, die erste Aufregung hat sich gelegt und plötzlich ist sie da: Die einzigartig gute Idee … für einen ganz anderen Roman. Die wird es bringen! Das Schreiben wird mehr Spaß machen denn je, das Buch sich so was von gut verkaufen. Man legt los, hat ein Drittel fertig, dann ist sie da, die diesmal wirklich einzigartig gute Idee …
Oder. Man. Weiß. Einfach. Nicht. Mehr. Weiter.
Natürlich ist es kein Problem, wenn man eine Geschichte ausprobiert und dann doch wieder verwirft. Unangenehm wird es nur, wenn das Verwerfen zur Gewohnheit wird und man nie eine Geschichte abschließt.
Übrigens: Wenn ich hier von „Geschichte“ spreche, dann meine ich damit jede fiktionale Erzählung, egal ob es sich dabei um eine Kurzgeschichte, ein Kinderbuch, einen Roman oder was auch immer handelt.
Was auch immer du schreibst: Das passiert, wenn du regelmäßig deine Geschichte nicht zu Ende schreibst:

Du verlernst, deiner Kreativität und Inspiration zu vertrauen


Du beginnst dich zu sehr zu hinterfragen. Wenn man eine Geschichte erzählt, muss man unzählige Entscheidungen treffen. Manche planen wir sorgfältig, viele geschehen ganz automatisch im Schreibflow. Verliert man das Vertrauen in die eigene Fähigkeit eine Geschichte zu erzählen, weil man zu viele abgebrochen hat, dann kommt kein Flow mehr zustande. Stattdessen versuchen wir zu analysieren, was das Beste sein wird, entscheiden uns für vermeintlich sichere Wege, nehmen Wohlbekanntes, versuchen zu erahnen, was gut ankommen wird … und verheddern uns in trockenen Vermutungen über den Fortgang der Geschichte statt sie schreibend zu erleben und sie sich organisch entfalten zu lassen.

Keine Entwicklung kann stattfinden


Nicht nur deine Geschichten kommen nicht von der Stelle, auch du selbst kannst dich nicht weiterentwickeln. Etliche schreibhandwerklichen Fähigkeiten kannst du nicht trainieren– wie Spannungsbögen aufgebaut werden, sich Figuren entlarven, der Höhepunkt der Geschichte erzählt und offene Handlungsfäden verbunden werden, all das verpasst man mit den abgebrochenen Geschichten zu üben. Noch wichtiger finde ich, dass du dann nicht lernst mit kreativen Rückschlägen umzugehen und dich wieder neu zu motivieren. Frustration gehört zum Schreibprozess und man muss lernen, damit umzugehen.

Du lernst nicht zu überarbeiten


Eine leere Seite kann man nicht überarbeiten. Mindestens die Hälfte des Schreibens besteht allerdings aus der Überarbeitung. Auch hier muss man so viel lernen: Wie man Abstand zum Text gewinnt, wie man Kritik annimmt und bewertet, wie man erneut zur „richtigen“ Geschichte vordringt, die man im Schreibgetümmel aus den Augen verloren hat … Jede Geschichte kann besser werden, deswegen zählt es auch nicht, wenn man eine Geschichte abbrechen möchte, weil sie nicht gut genug ist. Wenn man es aushält, die Geschichte zu Ende zu schreiben, obwohl man weiß, dass sie nicht gut ist, dann kann man sich hinterher Feedback holen in Schreibgruppen, Workshops oder durch ein Lektorat. Hier lernt man so viel, dass es sich auf jeden Fall lohnt, das Schreiben und die Überarbeitung durchzuziehen, selbst wenn man dann immer noch nicht mit der Geschichte zufrieden sein sollte.

Du verpasst den Kick des Fertig-geworden-seins


Eine gute Idee zu haben, sorgt schon für eine ordentliche Dopaminausschüttung, doch das ist nichts gegen den Kick fertig zu sein, der Unterschied ist in etwa so groß wie der zwischen einem schönen Traum und der sensationellen Wandlung vom Traum zur Realität. Bricht man Geschichten ab, verpasst man dauerhaft diese intrinsische Belohnung. Langfristig kann auf diese Weise die Begeisterung für das Schreiben nachlassen.
Ja aber, mag man einwenden, meine Geschichte war doch so schlecht, dass von Dopamin keine Rede sein kann. Dann lies weiter:

Du glaubst, deine Geschichten wären schlecht


Die eigene Geschichte ist oft ein blinder Fleck für uns. Erstens ist man zu nah dran, um sich ein Urteil bilden zu können, zweitens muss man es ertragen, dass dieser unfertige Text nicht so strahlend schön ist, wie die Idee, die man zuerst im Kopf hatte, und drittens erreicht man irgendwann einfach einen Tiefpunkt. Man ist schon so lange dabei, aber das Ende ist noch nicht abzusehen, überall sind kleine Probleme aufgetaucht, mit denen man vorher nicht gerechnet hat und vielleicht hat man dann versehentlich noch irgendwo gelesen, wie viele Bücher jedes Jahr veröffentlicht werden und wie gering die Chance ist, dass dieses hässliche Ding, das da gerade entsteht, wahrgenommen wird. Und dieser Moment, wenn einem klar wird, wie sinnlos dieses Unterfangen ist, dieser Moment ist nur ein Teil des Schreibprozesses, den man einfach ertragen muss. Wer hier weitermacht, wird bald erkennen, was der Geschichte noch fehlt, die kleinen Probleme können gelöst werden und irgendwann schwenkt man tatsächlich in den Zieleinlauf ein. Dann noch ein paar Überarbeitungsrunden drehen und schließlich ist die Geschichte fast so schön wie die erste Idee, dafür aber papiergewordene Wirklichkeit.

Ich möchte dir also dringend empfehlen, mehr Geschichten zu beenden, selbst wenn dein innerer Kritiker lautstark verkündet, das sei verschwendete Lebenszeit. Er irrt, denn das Mindeste, was du dadurch bekommst, ist eine wertvolle Fortbildung.

About the Author Pia

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